Etwas zeitversetzt und überraschend ist nun doch noch der Vorstand von Meinl International Power um Hans Haider von den Aktionären abgesetzt worden. Was schon bei der Hauptversammlung von Meinl Airports International im heurigen Sommer passiert ist, geschah nun außerplanmäßig auch bei MIP.
Das Interessante an diesen beiden Vorgängen war, dass sich die vielen Kleinaktionäre der beiden Gesellschaften über das Internet organisierten, um nicht nur die Stimmrechte zu bündeln, sondern auch um detaillierte Materialien zum Geschäftsgebaren zusammenzutragen. Ist der Vorgang an sich in der jüngeren Geschichte Österreichs einmalig, hat zum ersten Mal auch die Internetgeneration ihre Macht gezeigt.
War diese Online-Collaboration von vielen Individuen zu einer gemeinsamen für die meisten nur von der Online-Enzyklopädie Wikipedia oder Open-Source-Projekten wie Linux bekannt - und zwar greifbar und doch abstrakt - hat sich hier in Österreich die Gemeinschaft von Aktionären für ein gemeinsames Ziel zusammen getan und die Intelligenz und Arbeitskraft der Masse gebündelt. Im Internetjargon nennt man das "Crowdsourcing".
Crowdsourcing gibt Ideen für potentiell weitere "Projekte", die nicht nur Kleinanlegern helfen können, institutionellen Investoren gleich gestellt zu werden und wirklich eine Stimme zu erhalten, sondern zum Beispiel auch auf demokratiepolitischer Ebene. Was könnte gemacht werden?
Zuerst einmal die Dokumentation von, wenn schon nicht "Fehlverhalten", so zumindest doch fragwürdigem Gebaren von Wirtschaftstreibenden, Politikern und sonstigen Personen des öffentlichen bzw. "leitenden" Lebens. Nehmen wir das vorliegende Beispiel um den "Meinl-Skandal" her.
Traditionelle Medien wie das Nachrichtenmagazin "profil" haben unwidersprochen einen erheblichen Anteil an der Beschaffung und Veröffentlichung des "fragwürdigen Geschäftsgebarens" um die Meinl-Gruppe und waren und sind zentraler Bestandteil der Aufdeckung. Zusätzliche Details, die von Anlegern und "Whistleblowern" hinzugefügt wurden, der "Call to action" für die Hauptversammlungen und die dadurch verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit haben dem ganzen aber erst die Dynamik verliehen, die zum spektakulären Fall und dem (scheinbar nicht unverdientem) Imageverlust Meinls geführt. Es war nicht mehr möglich, die Vorgänge - wie in der Vergangenheit so oft geschehen - einfach unter den Tisch zu kehren, halbherzige Maßnahmen zu setzen und die Sache für abgeschlossen zu erklären. Nein, wir betreten insofern ein bisschen Neuland, als nicht nur lange widerwillig agierende Kontrollinstitutionen wie Nationalbank und Finanzmarktaufsicht nun Einsicht in Geschäftsunterlagen erzwingen mussten, sondern die Gesellschaften auch neue und kooperationswillige Vorstände haben, das freiwillig die Unterlagen der Vorgänger offen legt und legen will. Der weitere Entwicklung ist spannend.
Wie spannend wäre es aber erst, wenn fragwürdiges politisches Verhalten ebenso unter die Lupe genommen würde? Die Vorwürfe von Ex-BKA-Chef Herwig Haidinger, unterstützt durch Eintragungen von Usern aus dem Ministerium, die ähnliches oder gegenteiliges erfuhren? Hätte der BAWAG-Skandal früher aufgedeckt worden können, wenn es das Internet in dieser Form schon 2000 gegeben hätte? Man will es fast annehmen. Wie steht es um AMIS, Hypo Kärnten und andere Skandale der jüngeren Vergangenheit?
Was heute im Ermessen der Medien liegt, ihre über Jahre teuer aufgebauten Archive für die eigene Recherche anzuzapfen, sollte crowdgesourced werden. Sprich: wir brauchen eine Plattform, auf der demokratiepolitisch, wirtschaftspolitisch usw. interessierte Internetuser nicht nur Informationen zu Personen, Ereignissen und Organisationen frei erhalten, sondern auch hinzufügen können. Diese Online-Sammlung würde das Verhalten von Politikern - und sei sie für den Moment noch so unbedeutend - wesentlich stärker beleuchten, als die sporadischen Erwähnungen hier und da. Und bei gerichtlichen Untersuchungen kann die "Crowd" helfen Beweismaterial zusammenzutragen.
Beispiele gibt es aus den USA genug: der eben erst zu Ende gegangene Präsidentschaftswahlkampf wurde gerade durch die Verwendung des Mediums Youtube stark beeinflusst. Das Video eines republikanischen Kandidaten, der einen rassistischen Unterton bei einem Wahlkampfauftritt anschlug ("Macaca") zählt genauso dazu, wie die Aufzeichnungen der Reden von Obama und McCain.
Wo ist diese Plattform für uns? Ein guter Anfang wäre schon mal das Börse-Express Wiki oder das RappelWiki. Lasst uns doch Informationen zu den einzelnen Unternehmen oder Politikern dort zusammentragen, wer weiss: vielleicht brauchen wir genau diese Information früher als erwartet. Wollen wir es nicht hoffen, aber der Zufall trifft nur den Vorbereiteten. Und "crowdgesourced" zusammen sind wir es - und schonen damit unsere Investitionen und Nerven.
Weiterführende Links:
- Buchtipp: Jeff Howe: Crowdsourcing: Why the Power of the Crowd Is Driving the Future of Business
; Crown Business; 1 edition (August 26, 2008)
- Börse-Express Wiki
- RappelWiki
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