Während letzteres durch eine einfache Aufnahmeprüfung möglich ist, erweist sich ersteres als beinahe unmöglich. Nur durch Führen eines, oder besser - Wienkenner werden jetzt wissend raunen – mehrerer klangvoller Titel, gute Beziehungen zu Ministerialräten, oder anderweitige Qualifikationen, wie der Besitz einer TV-Kamera, lassen den Kartenerwerb in greifbare Nähe rücken.
Wir konnten mit all dem nicht dienen. Zwar warfen Natasha und ich gemeinsam einen Doktor der Technik, einen Diplom-Ingenieur, einen Diplommathematikerinnentitel und den Senatorstatus für Vielflieger bei Lufthansa ins Rennen, für Wiener Verhältnisse bewegte sich das aber zu nahe am Rande von gesellschaftlichen Außenseitern.
Uns blieb nichts anderes übrig, als die Karten bei der Konzertkassa zu kaufen, was wir auch taten. Es konnte doch niemand damit rechnen, daß diese Raritäten dort frei zum Verkauf angeboten werden.
Wir hatten uns nicht lumpen lassen und erschienen dem Anlaß entsprechend in feinster Morgengarderobe. Mit unseren Seidenmorgenmänteln im japanischen Stil stachen wir heraus. Während sich die Musiker um die Plätze rangelten, herrschte im Publikum fröhliche Unruhe. Die Programmhefte raschelten, entzückte Ausrufe wie „Oh, Johann Strauß steht auch am Programm!“ ertönten und nervöse Blicke wurden auf den Batteriestatus der Handies geworfen.
Rauschender Beifall empfing den Dirigenten im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Die Sektlaune vom vorangegangenen Silvesterabend steckte frisch im Blut des Publikums. Solch Empfang war auch notwendig, klangen doch die ersten Takte noch etwas nüchtern.
Erst mit dem nächsten Stück, nach einem Lanner nun ein echter Strauß, erfaßte die Musiker eine beschwingtere Stimmung. In der gezupften »Pizzicato-Polka« untermalte ein leiser Zwitscherton aus dem neuesten Nokia Communicator eines Softwareberaters in der zweiten Reihe die Pianissimostellen. Anerkennendes Nicken ging durch die Sitzreihen.
Damit war die Spannung gebrochen. Im darauffolgenden »Frühlingsstimmenwalzer« ertönte schwungvoll aus der Reihe hinter uns ein dreivierteltaktiger Klingelton, der die Wiener Orchestern so typische Verzögerung auf dem ersten Viertelton bravourös unterstützte. Der Besitzer des Samsunghandys, ein bekannter Literaturkritiker, nahm die stummen Ovationen innerlich stark bewegt auf.
Als nächstes preschte »Unter Donner und Blitz« beschwipst voran, ein kontrapunktisch gesetztes Sforzando aus den beiden Siemens Mobiltelefonen eines deutschen Industriellenehepaares trieb die Musiker zu immer rascherem Tempo an. Kräftige Glockenschläge, die ein britischer Parlamentarier mit seinem Ericssonhobel polyphon bereitstellte, unterstrichen die Donnerschläge imitierenden Trommeln auf das vorteilshafteste.
Von da an kannte die künstlerische Begeisterung des Publikums kein Halten mehr. Vom Balkon wurde das »Eljen a Magyar!« intonierende Orchester im scharfen Galopp von einem Motorolahandy angetrieben und durch feurige „Eljen“-Zwischenrufe des ungarischen Besitzers gewürzt. Wäre sein Akku nicht vorzeitig leergeworden, hätte diese ungarische Polka den absoluten Höhepunkt des Tages dargestellt.
Die Wiener Philharmoniker und ihr Dirigent reagierten schnell. In die siedendheiße Stimmung schoben sie aus der Operette »Die Fledermaus« einen Csárdás, gefolgt von »Die Majestät wird anerkannt« ein. Ein Quintett vom rechten Balkon nahm die Herausforderung an und begleitete im Fortissimo die Jubelstellen. Das elektronische Timbre ihrer zusammengespielten Handys betonte die blechernen Stösse der Trompeten. Der Softwareberater aus der zweiten Reihe fiel mit einem gefühlvollen Champagnerprickeln aus seiner Tonsammlung ein. Es war unverkennbar, daß die für die Aufzeichnung verwendeten, mundgeblasenen Sektgläser nur von der heimischen Firma Riedel stammen konnten. Ein musikalischer Patriot ersten Grades.
Die Wucht des Ensemblespiels ließ kein Auge trocken, wir bewunderten die Disziplin der Zuhörer, die werkkundig die Einsätze trafen und die große Kunst noch erhöhten. Das offizielle Programm war zu Ende und minutenlang donnernder Applaus brauste durch den Musikvereinssaal. Mitglieder des Orchesters und der Dirigent traten in den Zuschauerraum und umarmten dankbar die Handybesitzer.
Wer die Wiener Neujahrskonzerte kennt, weiß, daß die eigentlichen Höhepunkte erst in der Zugabe kommen. Das Publikum beruhigte sich und erwartungsvolle Unruhe machte sich auf den Sitzen breit. Das leichte Vibrato der Violinen begann langsam im pianississimo durch den Raum zu schweben. Jeder wußte, was jetzt kommen würde. Ich erhob mich, beugte mich leicht nach vorne und ließ aus meinem iPaq und der vorsorglich ebenfalls mitgenommen Portable Sony Playstation das Läuten Wiens größter Glocke, der »Pummerin« im Turm zu St. Stephan, in Stereo erklingen. Dankbar und lachend bedeutete der Dirigent den Philharmonikern innezuhalten, wandte sich mehrsprachig an das leise applaudierende Publikum im Saal und vor den Fernsehschirmen, um die traditionellen Neujahrsglückwünsche vorzutragen. „Die Wiener Philharmoniker und ich wünschen Ihnen einen Guten Rutsch, ein Gutes Neues Jahr und auf jeden Fall ausreichend Batterien!“
Das herzhafte und gelöste Lachen wurde rasch durch die Vorfreude auf das nun Kommende beiseite gedrängt.
Ins Vibrato der Geigen mischten sich zarte Töne aus dutzenden Handys, die den Walzer »An der schönen, blauen Donau« begleiteten. Die Wirkung auf die Zuhörer war elektrisierend, der Dirigent hieß die Philharmoniker Zurückhaltung walten zu lassen. Nur mehr die schwungvollen Passagen wurden vollständig von den Musikern ausgeführt, ansonst ließ man das Publikum die Töne entfalten. Minutenlang wogten die Walzertakte schunkelnd durch das Publikum, die Donau war zum Greifen nah im Raum schwebend.
Der Schlusspunkt jedes Neujahrskonzertes ist der »Radetzkymarsch«, der auch schon in vergangenen Jahren durch Einsatz von rhythmischem Klatschen in den martialischen Passagen, aktive Mitarbeit des Publikums erforderte. Nicht wenige Zuhörer übten vorher schon tagelang diesen schwierigen Teil.
Diesmal erklangen vom Orchester nur mehr die Anfangstakte, dann übernahm das begierige Publikum. Zuerst bedeutete der Dirigent den ersten 15 Reihen die Aufnahme des Motivs mit ihren Handys, ließ anschließend die rechten Balkonreihen einsetzen, bis einige Takte später die linken Balkonreihen zum Pianoforte aufrauschten. Die hinteren Reihen schwollen mit rhythmischen Klatschen an, bis ihnen vom Maestro Stille angedeutet wurde. Das wiederholte sich, bis fast schon am Ende überraschend die Wiener Philharmoniker ihre spontan gezückten Handys erklingen ließen, und den Marsch fertigklingelten. Das Publikum raste vor Begeisterung, stehende Ovationen erbrachen in den Saal und Gelächter schallte durch die Reihen. Einige Akkus rauchten zwar, aber auf allen Gesichtern war unverkennbar die Zufriedenheit dieses gelungenen Morgens geschrieben.
Ein unvergessliches Neujahrskonzert, das so recht den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Orchester und den Wiener Philharmonikern mitsamt ihrem Publikum erkennen ließ.
Als Favorit markieren
Lesezeichen setzen
Als Email versenden
Hits: 3861
Trackback(0)
Kommentare (0)

Kommentar schreiben









