Mario Herger

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Piercingputtel

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Es war einmal ein bildhübsches Mädchen, das lebte mit seiner bösen Stiefmutter tief im Asphaltdschungel der großen Stadt. Das Mädchen hatte wahrlich kein leichtes Leben, denn die böse Stiefmutter gab ihr viele schwere Arbeiten zu tun. Weil sie das Mädchen von ganzem Herzen hasste, trug ihr die böse Stiefmutter auf, auch im kältesten Winter nur mit seitlich geschlitztem Miniröcklein und nabelfreiem, dafür aber engem Hemdlein auf die Strasse zu gehen.

Wenn das Mädchen zum Supermarkt gehen oder Schnee schaufeln musste, fror es gar bitterlich. Ihre Finger wurden klamm, die schlanken Beine liefen blau an und selbst auf ihrer noch niemals rasierten Scham hingen Eiszapfen. Die böse Schwiegermutter hatte ihr nämlich auch das letzte Andenken an ihre verstorbene Mutter weggenommen: ein Pobacken betonendes Seidenunterhöschen mit belgischem Spitzenbesatz.
 

Xtreme Rotkäppchen

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Ohne übertreiben zu wollen, ich darf mich als Märchenliebhaber und ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet vorstellen. Wer kennt sie nicht, all die alten und überlieferten Märchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen, den Herumtreibern Hänsel und Gretel oder dem Raumschiff Enterprise?

Natasha, meine Moskauer Freundin, meint zwar, dass die russischen Märchen wesentlich lebensnaher sind, weil in ihnen vor allem von den Gefahren der Fauna und Flora, wie zum Beispiel sprechende Bären, fliegende Blinis oder dem arschbitterkalten Winter die Rede ist, aber ich lass Natasha reden. Unsere Geschichten von schnuckeligen Prinzessinnen und verwunschenen Schlössern wärmen das Herz mehr und bereiten uns viel besser auf das pralle Leben unserer täglich im Fernsehen zu bewundernden Stars vor. Sonst ertrüge man das ja gar nicht mehr.
 

Flohmarktluder

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In der heutigen Zeit haben wir Schriftsteller es sehr leicht. Schon soviel wurde vor uns geschrieben, gelesen und wieder vergessen, daß wir nur diese alten Sachen ausgraben, wiederverwerten und unseren Namen darunter setzen müssen. Kein mühsames Nachdenken, bei Sonnenschein in der Stube hocken und Pornowebsites surfen, weil man gerade eine Schreibblockade hat. Man schmökert einfach in einem alten Witzblatt, oder einem humoristischem Buch aus dem 17. Jahrhundert, und schon hat man nicht nur den Stoff, sondern auch die fertiggeschriebene Geschichte. Ist gerade gar nichts zur Hand, dann nimmt man einfach irgendeine Zeitung von gestern und schreibt von dort ab, es fällt ohnehin keinem auf.
 

Philharmonisches Handykonzert

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Neben den zahlreichen kulturellen Höhepunkten, die Wien jedes Jahr zu bieten hat, zählt das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker sicherlich zum prestigereichsten. Jeder der in der Wiener Gesellschaft etwas gelten will, muß sich dort sehen lassen und erwirbt aus diesem Grund entweder eine Eintrittskarte oder wird gleich Musiker im philharmonischen Orchester.

Während letzteres durch eine einfache Aufnahmeprüfung möglich ist, erweist sich ersteres als beinahe unmöglich. Nur durch Führen eines, oder besser - Wienkenner werden jetzt wissend raunen – mehrerer klangvoller Titel, gute Beziehungen zu Ministerialräten, oder anderweitige Qualifikationen, wie der Besitz einer TV-Kamera, lassen den Kartenerwerb in greifbare Nähe rücken.
 

Flirtdogs

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Er hätte es fast wieder einmal geschafft. Ich weißß nicht wie er das macht, aber sobald Mars, Saturn und mein Auto im Halteverbotaszendenten stehen, taucht er unverhofft um die Ecke und rennt mich gekonnt über den Haufen. Die Rede ist, wie kann es auch anders sein, von meinem alten Freund Michi. Diesmal war es ihm sogar unter besonders verschärften Bedingungen gelungen. Eine Meute von schnaubenden und knurrenden besten Freunden des Menschen, darunter Vertreter aller verfügbaren Gattungen von Kalb bis Kanalratte, zerrte ihn an unzähligen Leinen voran. Während Michi ihnen so gut es ging nachhechelte, galoppierten die vierbeinigen Flohkutschen, ohne deswegen an Tempo einzubüßen, über mich hinweg und bellten und kläfften sich die Lunge aus dem Leib, als ob es keine Telefone mehr gäbe.

Ich hatte mich rettungslos in den Hundeleinen verhadert und humpelte notgedrungen im Geknäuel mit. Michi schnaufte bereits atemlos, seine heraushängende Zunge zeigte ein besorgniserregendes Metallicblau. Er aber ließ sich nicht beirren. Er grinste mir zu, streckte den Daumen hoch und deutete mir in unserer geheimen und in vielen öden Schulstunden erfundenen Zeichensprache, dass sich gleich um die Ecke seine neue Agentur befände.
 


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