Mario Herger

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Hallo Service Man

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Wir erwarteten Gäste für den Samstagabend und schon Tage vorher hatten meine Freundin und ich ausgemacht, wer diesmal für das Kochen zuständig ist. Wie das unter zivilisierten Menschen der Fall ist, entschieden Fakten und wohlkalkulierte Überlegungen, wer kochen wird. Wir hatten eine Münze geworfen und meine Spezialmünze hat auf beiden Seiten „Kopf“, und nur am Rand die Zahl. Pech für sie, gut für mich, an den Tatsachen ließ sich nicht mehr rütteln.

Da Natasha Russin ist und sie somit russische Vor-, Haupt- und Nachspeisen zubereiten wollte, war unschwer vorherzusehen, dass viel Zwiebel, Knoblauch und Sauerrahm zum Einsatz kommen werden. Die Vorräte genau dieser drei Zutaten waren ihr bei vorhergegangenen russisch-österreichischen Ausschweifungen aber ausgegangen.

Ich versuchte noch zu protestieren, aber es war zu spät. Natasha drückte mir die Einkaufstasche mitsamt Einkaufsliste in die Hand und mich mitsamt einem Kuss durch die Tür hinaus auf die Strasse. Mein Wimmern half nichts, meine Freundin war gnadenlos.

Wer schon einmal in Wien versucht hat, samstags auf einer belebten Einkaufsstraße seine Besorgungen zu erledigen, empfindet das Stierrennen von Pamplona fürderhin als reinsten Erholungsspaziergang. Ein alter Studienkollege von mir machte einst den Fehler, am Samstag einkaufen zu gehen, und wurde Wochen später zerlumpt und mit verwirrtem Blick herumlaufend in den Donauauen gefunden. In der Hand hielt er noch die Überreste eines Einkaufskörbchen des Warenhauses Gerngross, und er stammelte unentwegt: „Nicht vordrängeln, bitte hinten anstellen.“

Mir wäre ein ähnliches Ende bevorgestanden, hätte mir nicht das Schicksal meinen Freund Michi vor die Füße gespült. Genauer gesagt, spülte es ihn hinter meinen Rücken, auf den er mir klopfte. Er schleuderte mir ein herzliches „Servus! Kann ich zu Diensten sein?“ entgegen und lüftete seine Kappe. Moment mal? Seine Kappe?

Michi stand in einer lächerlichen Phantasieuniform aus blauem Stoff und mit weißen Bastschnüren vor mir, die durch eine ebenso blaue Kappe mit der Aufschrift „Service Man“ versehen war. Er sah darin verdammt gut aus, Frauen stehen ja auf Männer in Uniform.

„Sag mal, Fasching ist doch schon vorbei, oder bist jetzt Mitglied in einem Stripperclub?“ fragte ich übermütig und neugierig zugleich.
„Geh, stell dich nicht dämlicher als du bist“, wandte er gut gelaunt ein. „Ich arbeite jetzt als »Service Man«. Weißt eh schon: Hans Moser, Hallo Dienstmann. Und ein Dienstmann wird heute eben auf gut Deutsch »Service Man« genannt.“

„Das sind ja Neuigkeiten. Und was macht man so als »Service Man«?“ fragte ich nun mit gesteigerter Aufmerksamkeit. In einem wahren Redeschwall begann Michi den Tätigkeitsbereich seines neuen Berufes unter Zuhilfenahme des entsprechenden Fachvokabulars einzugrenzen.

„Ich unterstütze gestresste Shopper bei ihren Weekendactivities. Beispielsweise suche ich ihnen einen Parkplatz für ihr Auto, stehe bereit, um ihnen die Einkaufstaschen aus der Boutique zum Auto zu bringen, mache unangenehmere Besorgungen für sie direkt, halte ihre verzogene Brut bei Laune und führe sonstige Haustiere und Verwandte schnell mal Gassi oder zum Friseur. Und das alles während sie relaxed weitershoppen können und die Wirtschaft anheizen.“

Ich war beeindruckt, zeigte es aber nicht. „Aber wer nimmt denn deine hilfreichen Dienste überhaupt in Anspruch?“

Angeberisch begann er zu erzählen: „Die große Mehrheit meiner Kunden sind Frauen, stinkreiche Unternehmergattinnen, Supermodels oder Fernsehmoderatorinnen. Manchmal ein paar überforderte Ehemänner, die für ihre Frauen Autoreifen, oder Lebensmittel und ihren Geliebten Reizwäsche einkaufen sollen, aber es vorziehen im Kaffeehaus zu sitzen und Zeitung zu lesen. Ich will da jetzt keine Namen nennen, aber ich könnte dir Geschichten erzählen. Die Klatschreporter würden sich alle zehn Finger und zehn Zehen abschlecken, wenn sie das wüssten...“. Er grinste dreckig und wissend.

Aber es schien mir etwas langweilig, sich mit Supermodels, Geliebten oder Zehen herumzuschlecken. Ohne mein Interesse allzu offensichtlich zu zeigen, fragte ich beiläufig: „Und? Kann man damit überhaupt Geld verdienen?“

Michi lächelte mich mitleidig an. „Geld, mein Lieber, Geld? Über Geld spricht man nicht!“, und er machte dazu eine Handbewegung, die den geübten Umgang mit großen Banknoten verriet.

„Also gut“, erwiderte ich neidisch geworden, „wie viel verdienst du Schuft?“

Genüsslich ratterte er sein Tarifschema herunter: „Autoparken im Parkhaus, 20,- Euro, auf der Strasse mit Nahkampfzulage 40,- Euro. Einkaufstasche zum Auto tragen bis 10 Kilogramm, 20,- Euro, jedes weitere Kilogramm 1,80 Euro. Kinder und Hunde im Einheitspreis pro Stück zu 100 Euro. Bei Kindern und Hunden wird je nach Alter noch olfaktorischer Gefahrenzuschlag verrechnet, je nachdem ob sie schon stubenrein sind oder nicht. Der Preis für unangenehme Besorgungen je nach Aufgabe und Gefahr ist Verhandlungssache, aber nicht unter 200 Euro pro Stunde und Besorgung. Alles versteht sich exklusive Trinkgeld.“

Er verschnaufte, und nach einer effektvoll eingesetzten Pause beendete er seine Ausführungen. “Im Schnitt komme ich pro Samstag, und nur an dem arbeite ich, auf netto 2.300,- Euro exklusive Trinkgeld.“ Triumphierend sah er mich an.

Mir wurde schwarz vor den Augen, doch Michi fing mich gekonnt vor dem Aufprall auf dem Boden auf. „Siehst Du, das wäre jetzt mit 50,- Euro exklusive Trinkgeld unter der Tarifkategorie »Torkelstabilisierung« für eine Distanz von 100 Metern für die Samstagabendzecher zu verrechnen.“

Ich fasste mich wieder und einen Entschluss. Ginge ich jetzt in den Supermarkt, würde ich nicht mehr als ein Stück nach Hause kommen, das Essen würde nicht fertig werden, Natasha mit mir böse sein und bei Russen muss man vorsichtig sein. Immerhin haben sie den halblitergrossen Wodkabecher erfunden. Auch war der Samstag bereits zu weit fortgeschritten und die Regalgänge im Supermarkt strebten dem völligen Einkaufswageninfarkt zu.

„Könntest Du mir nicht folgende Besorgungen machen?“, wandte ich mich fragend an Michi und überreichte ihm Natashas Einkaufsliste. Routiniert griff er danach, las sie durch und berechnete blitzschnell Kategorie und Preis. „Zwiebel, Knoblauch, Sauerrahm. Kategorie unangenehme Besorgungen, Mindestpreis 200 Euro pro Stunde, dazu ein olfaktorischer Gefahrenzuschlag und Reinigungskosten für die Uniform plus Samstagsupermarktgedrängezuschlag. Macht alles in allem 400,- Euro exklusive Trinkgeld. Dir als altem Freund gebe ich 50% Rabatt, macht also 320,- Euro - im Vorhinein.“

Ich schluckte, aber der Preis war fair. Ich drückte ihm das Geld in die Hand, plus 30,- Euro Trinkgeld und 10,- Euro für die Lebensmittel. Lieber würde ich mich in einen Käfig voller Löwen sperren lassen, als Samstags im Supermarkt unter die Einkaufswagenräder zu kommen. Dann machte ich mich auf den Weg ins Kaffeehaus, vorausgesetzt ich finde einen Service Man, der mir einen Platz von all den Supermodels und Fernsehmoderatorinnen freihält.
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