Mario Herger

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Kyrie Eleison

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Interessanterweise drängen sich am Christkindlmarkt die meisten Leute immer vor den Punsch- und Speckbrotstandln. Als ich meinen Freund Fredi ebendort antraf, drängte er fleißig mit und hielt einen Punsch in seinen zittrigen Händen. Aber irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Gehetzt sah er sich um, seine Augen flackerten irr, die Weihnachtsklänge blökten aus dem Lautsprecher. Die sieben leeren Punschbecher und die fünfte Wiederholung von "Maria durch ein Dornwald ging" hatte ihm offensichtlich schon bös' zugesetzt.

Ich gab ihm einen freundlichen Klaps auf den Rücken. Er riss verschreckt die Hände in die Höhe und wimmerte. Als er mich durch seinen glasigen Blick erkannte, beruhigte er sich und wischte hastig den Punsch von seinem Revolver. "Bist Du des Wahnsinns knusprige Beute?", krächzte er heiser, "Beinahe wäre mir die Munition nass geworden."

"Munition? Revolver? Wozu brauchst Du denn einen Revolver?", frug ich ihn launig. "Du wirst doch nicht die arme Bank dort ausrauben wollen, jetzt wo alle ihre Sparkonten für Weihnachtseinkäufe geplündert haben? Außerdem: bei dem Betrieb, der hier herrscht, ist bei einem Punschstandlraub ungleich mehr zu holen." Diese humoristische Pointe machte mich vor Entzücken über meine Schlagfertigkeit leicht benommen.

Er stierte mich scharf an. "Wer hat Dir erzählt, dass ich eine Bank ausrauben will?" Seine Augen durchbohrten mich fragend. "Doch nicht Schorsch, dieser Schuft? Was geht das ihn an, wenn ich mit der Frau meines Chefs ein Techtelmechtel habe?"

"Du hast ein Verhältnis mit diesem Drachen? Sag bloß nicht, es ist gar ein erotisches?" Zacki war ein unverbesserlicher Romantiker. Sein Herz flog den Frauen zu, wie die Schmeißfliege auf die Kuhflade, aber das beruhte niemals auf Gegenseitigkeit. Die Frauenwelt ignorierte ihn. Die einzigen Bekanntschaften, die Fredi machte, waren die seiner Nase mit den Fäusten der Gatten von verehrten Frauen. Diesmal schien aber eine angebissen zu haben, trotzdem oder vielleicht gerade deswegen wirkte er noch weniger locker als üblich. "Ich dachte, Du seist gerade hinter der neuen Sekretärin her?"

"Zurzeit bin ich hinter 50.000 Euro her, damit Schorsch nichts über unser romantisches Verhältnis ausplaudert. Dieser Mistkerl!" Er spuckte verächtlich aus und leerte das Punschglas auf einen Zug. "Es ist immer nett mit Dir zu plaudern, aber ich gehe jetzt besser Geld abheben", lallte er entschlossen und atmete tief durch. Der alkoholgeschwängerte Hustenanfall verging und er stapfte auf die Bank auf der anderen Straßenseite zu.

Nach zwei Ausrutschern auf dem Glatteis und einer Beinahekollision mit einem Lieferwagen betrat er wackelig die Bank. Noch bevor ich ihn erreichen und wieder auf die Strasse zerren konnte, war er schon mittendrin, sein Vorhaben trittsicher schwankend umzusetzen. "Her mit der Marie, sonst schießt's!", keuchte er.
Niemand rührte sich. Sein Selbstvertrauen begann leicht zu leiden. "Geld hoch, Hände her!", winselte er schwächer. Aber wieder rührte sich niemand. Er reichte vorsichtig seinen mitgebrachten Geldsack zum Fräulein hinter den Schalter.

Die Bankangestellten und Kunden starrten ihn interessiert an. "Bitte, das Geld hier rein, oder es kommt zu Euch kein Christkind.", flehte er jetzt schluchzend.
Diese Drohung wirkte. Sofort nachdem sie Kaffee getrunken, die Nägel gefeilt hatte und schnell auf der Toilette war, fing das Schalterfräulein an, einige Notenbündel wohlgeordnet in den Sack zu legen. Kaum fertig, griff Fredi gierig nach dem Sack und träumte bereits verklärt von Punsch, Weib und "Maria durch ein Dornwald ging", aber ein scharfer Schmerz ließ ihn davon Abstand nehmen. Der meisterhaft eingesetzte Gehstock einer älteren Dame hatte ihn in die Realität zurückgebracht und seine Finger blutrot anlaufen lassen. "Du alte Hexe, was fällt…Auuh!" Aus seinem Blick sprachen Schrecken und Anzeichen von Verblödung. Sein Ohr war plötzlich zwei Meter länger geworden. Die ältere Dame hatte ihn daran gepackt und zum besseren Meinungsaustausch ihrem Gesicht genähert.

"Was glaubst Du Rotzbub eigentlich!?". Die nachfolgende Ohrfeige bekräftigte unmissverständlich den Wunsch nach einer baldigen Antwort. "Eine Bank ausrauben, mitten am helllichten Tag. So ein Lümmel!", rief sie zornig bebend. "Hast Du denn nichts ordentlich gelernt?" Ein gezielter Tritt aufs Schienbein ließ es ihm schwarz vor den Augen werden. Der Geldsack entglitt seinen Händen.

"Loslassen!", wimmerte Fredi ängstlich, seine Wangen gerötet, ob des Ohrfeigenstakkatos. "Ist nur eine Schreckschusspistole! Ich mach's auch nie wieder." Zappelnd befreite er sein knallrotes Ohr und humpelte durch die Tür ins Freie, wo ihn das Christkindlmarktgedränge und ein erneutes "Maria durch ein Dornwald ging" verschluckten und am anderen Ende wieder auf dem Glatteis ausspeien.

Die ältere Dame hob den Geldsack auf, feuerte mit dem Gehstock einmal in die Deckenverzierung und stelzte kopfschüttelnd durch die Tür. "Zu blöde und besoffen, eine einfache Bank auszurauben. Und solch einen Taugenichts habe ich großgezogen!"
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