Mario Herger

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Der Pornofilm

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Eines schwülen Frühlingstages, als uns die Müßigkeit gerade eisern im Griff hielt, saß ich mit meiner Freundin Natasha im schattigen Garten vor unserem Häuschen. Wir beschäftigten uns intensivst mit dem Zählen von Grashalmen, probierten diverse Seemannsknoten mit unseren Zehen und waren auch sonst ziemlich umtriebig.

Ein Hündchen lief lustig im angrenzenden Park herum, ein paar Eichhörnchen jagten es, fesselten es an den Baum und zündeten den Holzstoß darunter an, mit anderen Worten, es war eine vollständig friedliche und entspannte Szenerie.

Die Ruhe wurde durch das plötzliche Auftauchen eines Schneckenpaares gestört, das durch unser Blumenbeet zischte, kichernd eine dicke Schleimspur hinterließ und sich dann vor den Primeln hingebungsvoll vergaß.

„Weißt Du, was wir machen sollten?“ lächelte mich Natasha mit dem Blick auf das Schneckenpärchen vielsagend an. Instinktiv erschauerte ich, mein Blut gefror. Ich kannte sie zu gut und wusste, was das bedeutet. Schon kamen ihre Lippen näher an mein Gesicht und sie hauchte: „Las uns doch einen Pornofilm ansehen und auf frühlingshafte Gedanken kommen.“ Ihre Augen blinzelten verführerisch.

„Gute Idee, aber wir haben gerade keinen Pornofilm zuhause“, erwiderte ich. „Die alten haben wir doch unlängst alle der Schulbibliothek geschenkt.“ Das stimmte natürlich nicht, ich hatte gelogen. Wir hatten sie ihnen nicht geschenkt, sondern verkauft. Aber selbst diesen geschickten Einwand schmetterte Natasha mit einem Augenaufschlag weg. Ihre Nüstern bebten zornig.

„Dann kaufe eben einen, oder erwartest du, dass ich als Frau in so ein Pornogeschäft gehe?“ Ich wollte schon nickend zustimmen und auf die aufgeklärte Emanzipationsbewegung der letzten Jahrzehnte hinweisen, aber ihr eiskalter Blick zerstörte mich am Boden.

Würde ich es nicht tun, wäre das für sie ein mangelnder Liebesbeweis und ich unweigerlich der jämmerliche Feigling, der überall zaudert und stockt. Täte ich es aber, dann wäre ich für alle Ewigkeit gebrandmarkt. Straßenkinder würden mit dem Finger auf mich zeigen, ältere Damen ihre Schoßhündchen auf mich hetzen und der Briefträger mich nicht mehr grüßen.

Ich winselte vor Verzweiflung, biss bibbernd an meinen Fingernägeln und war gerade dabei, ihr vorzuschlagen, lieber doch keinen Pornofilm zu kaufen. Aber sie hatte den Braten bereits gerochen. Ohne weiteren Aufschub bugsierte mich Natasha vor den Eingang, schickte mir die aufmunternden Worte „Und trau dich ja nicht ohne einen Pornofilm wieder aufzukreuzen!“ nach und bekräftigte das mit einer resolut ins Schloss krachenden Haustür.

Ich war ein gebrochener Mann. Noch bevor ich den Vorschlag „Internetshop“ durch die verschlossene Tür rufen konnte, hörte ich von drinnen „Feigling!“ Mein Schicksal war besiegelt, der gesellschaftliche Abstieg unausweichlich.

Wohin sollte ich gehen? In den kleinen Fachbetrieb, mit einer wohlsortierten Auswahl und den schmierigen Typen? Die Gefahr dort einen Bekannten zu treffen oder während einer Polizeirazzia ertappt zu werden, war zu hoch. Also doch eher in eines dieser Allroundgeschäfte, die alles haben.

Nun muss man wissen, dass es in Kalifornien und besonders im Silicon Valley südlich von San Francisco Elektrofachgeschäfte gibt, deren Verkaufslokale ungefähr die Ausdehnung der Wiener Innenstadt haben. Es soll Fälle von verloren gegangen Zöglingen gegeben haben, die von ihren Eltern nicht mehr erkannt wurden, weil sie erst nach Jahren im Wirrwarr des Verkaufslokals aufgestöbert werden konnten und sich die Zeit damit vertrieben haben, um Generaldirektor eines börsennotierten und weltbeherrschenden Computerunternehmens zu werden.

Alles was irgendwie mit Elektronik oder Elektro zu tun hat, kann dort gekauft werden. Neben Computern, Fernsehern, Nasenhaarrasierern oder Raumstationen, gibt es auch Videospiele, Musik und Pornofilme. Artig in kilometerlangen Reihen geschlichtet, warten die Artikel auf ihre Käufer und Ladendiebe.

Eines dieser Geschäfte hieß «Fry’s Electronics». In typisch kalifornischer Manier erinnert die Verkaufshalle an die ruhmreiche Geschichte des Wilden Westens, indem zwischen den Verkaufsreihen immer wieder entzückend arrangierte Stillleben von im gestreckten Galopp reitenden Indianern, pfeildurchbohrten Cowboys und ausgehungerten Goldgräbern die Atmosphäre auflockern.

In geduckter Haltung pirschte ich mich durch die Reihen und versuchte die Filmabteilung zu finden. Natürlich hätte ich fragen können, aber ohne Not muss man die lüstern grinsenden Blicke der Verkäuferschaft nicht unbedingt auf sich ziehen. Ich sah mich um. Da kam auch schon ein Verkäufer direkt auf mich zu. Zur Ablenkung griff ich nach dem erstbesten Artikel im nächstgelegenen Regal und befasste mich eingehendst mit der Gebrauchsanleitung.

„Pornofilmabteilung?“, sprach mich der Verkäufer an. „Woher wissen Sie...“ stammelte ich ertappt. „Erfahrung“ erwiderte er mit ruhigem Blick, „außerdem haben Sie gerade ein Elektrogerät in der Hand, für das Männer eher keinen Gebrauch haben.“ Entsetzt erkannte ich den «Massagestab für Damen» in meiner Hand, dessen Gebrauchsanleitung ich studiert hatte.

„Also gut, wo ist die Pornofilmabteilung?“, fragte ich zerknirscht. „Die nächsten fünf Reihen geradeaus, dann scharf nach rechts bis sie anstoßen. Dort nach links wenden und zwischen den duellierenden Cowboys hindurch Richtung Ausgang. Unmittelbar vor den Kassen befindet sich die Pornofilmabteilung.“ Er nahm den Massagestab aus meinen Händen und stellte ihn zurück ins Regal.

Ich schwitzte. Ausgerechnet beim Ausgang. Dort wo jeder vorbei musste. Wo man von allen gesehen wird. Mich erfassten panische Zustände. Ich wollte aufgeben. Drehte mich um, um den Weg zu einem Seitenausgang zu wählen. Ausgerechnet jetzt klingelte das Telefon. Natasha war dran. „Und? Hast du schon einen Film gekauft?“ fragte sie argwöhnisch. „Ich stehe gerade in der Abteilung und wähle aus“, log ich. „Wirklich? Traue dich ja nicht ohne einen solchen Film nach Hause zu kommen, hast du mich verstanden?“ Aber sie hatte schon aufgelegt, bevor ich antworten konnte.

Ich hatte keine andere Wahl, das Leben mit Natasha würde sonst zur Hölle werden. Seufzend nahm ich den Weg wieder auf und versuchte das Gelände zu erkunden. Weitere Komplikationen kamen hinzu, die Pornofilmabteilung grenzte direkt an die Familienserien und Kinderfilme. Ich wartete, bis sich die Reihen an Müttern mit Kindern lichteten und bewegte mich dann unauffällig Richtung Sexfilme. Mit mir drängten sich plötzlich von allen Seiten schmierige Gestalten. Ich zögerte, aber ich wurde weitergeschubst. „Weitergehen!“ zischelte es von hinten, „jetzt ist die beste Gelegenheit.“ Ein Mittdreißiger mit dunkler Sonnebrille und Turnschuhen schob mich als Deckung weiter, gefolgt von anderen Verzweifelten. Kein Zweifel, es handelte sich um Desperados, von deren Gattinnen und Freundinnen dem Hohn und Spott ausgesetzt.

Unerwartet tauchte eine Mutter mit ihren Kindern und dahinter eine ältere Dame um die Regalreihe auf. In ihren Augen funkelte Abscheu. Panik ergriff uns, wir versuchten uns in alle Richtungen zu zerstreuen, aber es waren zu viele, die zu fliehen versuchten. Die religiösen Fanatiker sind in Amerika überall. Von zwei Seiten kamen nun die Mütter und älteren Damen. Sie hetzten ihre Brut und Kampfhunde auf uns. Einer biss mich in die Waden, ein kleiner Fratz trat mir gegen das Schienbein. Ich humpelte schmerzverzerrt. Im Chaos gelang es mir einen Film zu erhaschen und ich schleppte mich stöhnend zur Kassa.

Der pickelige Student an der Kassa sah auf den Film, reichte mir den Kassenbon auf dem groß «XXX» als Synonym für Pornofilm stand, und schrie mir zwinkernd zu: „Viel Vergnügen daheim.“ Die anderen Kassierer grinsten lüstern und wissend herüber. Diese Bande. Sollen lieber studieren, anstatt hier harmlose Kunden zu belästigen. Und das mit meinen Steuergeldern.

Ich verließ diesen Ort so schnell ich konnte, eifrig bedacht, kein weiteres Aufsehen zu erregen. Zuhause angekommen kroch ich vor Erschöpfung am Boden liegend zur Tür und kratzte daran. Meine Beine schmerzten, die Fetzen meiner Hose hingen an mir herunter, mein Hemd war verschwitzt. Irgendwo hatte ich meine Sonnenbrille verloren.

Natasha ließ mich herein. Sie strahlte mich an, küsste mich und rief voll Tatendrang: „Las uns den Film gleich ansehen und dann haben wir guten alten Hardcore Sex!“ Ich erblasste, brach zusammen und stöhnte: „Wie? Nach all dem jetzt auch noch Sex?“
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Kommentare

Satiremagazinblog - Das 1. Jahr Rappelkopf
Ich stehe auf bissigen Humor
Satiremagazinblog - Das 1. Jahr Rappelkopf
Bravo an Herrn Mario Herger! Ganz tolle Arbeit die sich jahrelang mueh...
Interessen
ich versuchte volkstanz musik zu "download" und finde ein Blog, ha ha