Mit einem kleinen Päckchen unter dem Arm hatte ich in einem Wiener Vorstadtbezirk eine schummrige Werkstätte betreten. Von außen sah sie sehr heruntergekommen aus, aber innen drinnen schimmerten die edelsten Ersatzteile in den Regalen. Metalllacke, Plasmamonitoren in jeder Größe, Hifi-Ausrüstung in Edelholzausführung und eine Rolle dünnster LCD-Folien. Zwischen den Teilen lugte ein Rastakopf hervor. „What’s up, Opa?“
Ich sah mich um, ob denn etwa noch jemand hereingekommen wäre. Außer ein paar verchromten Deckeln, dem Rastakopf und mir konnte ich aber niemanden sehen. Diese wandelnde jugendliche Haarkatastrophe musste also mich gemeint haben.
Ich räusperte mich: „Ich suche den Aufmotzer X-Bindit. Angeblich soll er hier seine Werkstätte haben.“
„Alter, hast Schnee auf den Augen?“ schnaubte der Rastakopf. “Sie steht lebensgroß vor Dir.“ Jetzt erst erkannte ich, dass es eine »Sie« war, mit der ich zu tun hatte. Das enge Top mit den bunten Wollschals und die zerrissenen Jeans ließen mich nicht nur die weiblichen Formen, sondern auch die Piercings im Bauchnabel und der Nase übersehen. Wie kann man nur so spießig herumlaufen? Piercings waren doch seit mindestens einem halben Jahr aus der Mode und Catholica-Look jetzt angesagt. Verständnislos zupfte ich meine löchrige, aber hippe Firmungskrawatte zurecht.
Die Modeverwirrungen dieser jungen Göre ignorierend kam ich zur Sache. „Man sagt, sie wären die beste Aufmotzerin zwischen Grammatneusiedl und Amstetten?“
„So? Sagt man das?“ Sie warf sich selbstsicher in Positur. “Die wissen gar nicht, wie recht sie haben.“
Behutsam legte ich vor ihr mein Päckchen auf den Tisch und fuhr fort. „Ich hätte hier einen heiklen Auftrag. Geld spielt keine Rolle.“
Sie schielte auf das Päckchen, von dem ich langsam die Packschnur löste. Vorsichtig wickelte ich das Päckchen Schicht für Schicht aus. Sie schrie entzückt auf.
„Oh Mann, Opa! Das ist ja eine 1981er Gymnasialbibel mit Pappeinband und Dünndruck. Das ist ja echt eine Antiquität. Aber ein bisserl heruntergekommen ist sie. Wohl zuviel darin gebetet?“ Sie glotzte mich schelmisch aus den Augenwinkeln an.
Pikiert erwiderte ich: „Ich möchte darauf hinweisen, dass das meine Schulbibel ist und keine »Antiquität«.“
„Sei nicht beleidigt, Opa. Alles was hier vor 1990 produziert wurde, ist wüsteste Steinzeit, egal ob du da noch im Lendenschurz oder schon in einer Ritterrüstung herum gehirscht bist. Und was ich ursüß finde: Du hast darin ja wirklich noch gelesen, so zerfallen wie es ist. Ist ja total retro. Aber eines kann ich dir sagen: das wird nicht billig. Normalerweise kommen hier nur Leute rein mit neuen Teilen. Verrate mir doch mal, was du denn daraus machen lassen willst?“
Ihr Redeschwall stoppte so abrupt, dass sie leicht nach vorne kippte.
„Na ja“, begann ich zögern, „ich hätte da an einen vergoldeten Einband, Heiligenbildchen und...“, aber sie ließ mich nicht aussprechen. „So kommen wir nicht weiter. Sag mir lieber, wer du bist, und ich sage dir, wie ich es dir pimpen werde“.
„Pimpen?“, stotterte ich und errötete. „Ob das unbedingt notwendig ist?“
„Ja! Pimpen, aufmotzen, tiefer legen. Was auch immer du verstehst.“
„Ach so, habe ich eh gewusst. Nun ja, was soll ich über mich sagen...“ Sie sah mich durchdringlich an. Ich begann zu schwitzen. Meine Ohrläppchen rollten sich nervös ein.
„Ich sehe schon“, zuckten skeptisch ihre Mundwinkel, „verklemmter Spießer, der auf irgendwelche Torheiten von angeblichen Modemagazinen reinfällt und jetzt sein Buch pimpen lassen will, um in seiner Midlife-Crisis die gutaussehende Sekretärin in der Pfarre vernaschen zu können.“
„Ob man das unbedingt so ausdrücken muss...“, wimmerte ich ertappt.
„Hör zu“, sagte sie und setzte dabei eine ernste Miene auf. „Wir werden das Ding so aufnuckeln, dass sich selbst die keuscheste Klosterschwester nach dir verzehren wird.“
Mein Interesse war schlagartig geweckt. „Und wie, wenn ich fragen darf, soll das gehen?“
„Du darfst fragen. Zuerst einmal werden wir den Einband rausreißen und neu gestalten. Mit ein bisschen Lackierarbeit werden wir ein Metallicblau hinkriegen, dass du glaubst den Himmel zu sehen. Anschließend betten wir darauf ein LCD-Foliendisplay ein, mit dem du dir ein geeignetes Bibelzitat und den Heiligen des Tages einblenden lassen kannst. Dem Buckrücken verpassen wir einen Stahlmantel und legen ihn tiefer. Sieht voll schnittig aus und macht 180 Psalmen pro Minute. Im Stahlmantel drin steckt eine ausfahrbare Leselampe, verchromt und mit 1000 Watt Halogenflakscheinwerferlicht. Damit kann sich auch der blindeste Engel im Landeanflug zu Dir nicht mehr verirren.“
Meine Finger zitterten, ich röchelte begierig. „Mehr!“, stöhnte ich unwillkürlich, „Mehr!“
„Jede einzelne Seite werden wir in Funkenlösung tauchen. Sobald du eine Seite umblätterst, wirst du Funken fliegen sehen, und das im nüchternen Zustand. Aber das Beste kommt noch.“ Sie tauchte zwischen zwei Regalreihen ab und erschien auf der anderen Seite mit zwei klobigen Teilen wieder.
„Mit diesem Baby frisst die anderen der Neid: »Rotierende Buchdeckelaufsätze«“, schnalzte ihre Zunge. Der gut gestylte Rastakopf sah mich triumphierend an. Ich nickte wie wild. „Und das ist noch nicht alles“, fuhr sie fort. „In jedem dieser Aufsätze ist noch eine Miniaturkaraokemaschine eingebaut. Zwei 500 Watt Boxen hinten und vorne blasen selbst beim schwächsten deiner »Halleluja« den Ministranten den Rausch vom Vortag aus dem Hirn.“ Sie zeigte mir die Bass- und Subwoofereinstellungen, die von Rap zu Rock und Reggae reichten.
Ich kroch vor dieser jugendlichen Göttin auf dem Boden. Eine himmlische Fügung hatte mich zu dieser Blüte unserer Jugend geführt. „Und das hilft auch ganz sicher für die »Geschichte« mit den Klosterschwestern?“, sabberte ich hemmungslos.
Sie sah mich scharf musternd an: „Da hilft einzig und allein, dass wir deine Firmungskrawatte gegen männliche Brustwolle austauschen. Halleluja, Opa!“
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